News

tirol kliniken gegen Gewalt

tirol kliniken gegen Gewalt

22.11.2019
26,3 Prozent aller PatientInnen der Klinik Innsbruck sind Opfer von Gewalt - Männer und Frauen gleichermaßen. Hier greift die Opferschutzgruppe. Sie ist eine wichtige Schnittstelle zu Beratungsstellen und leistet einen Beitrag zur Früherkennung und -intervention von gewaltbetroffenen Personen.

„Wir informieren und beraten zu Gewalterkennung, Schutz vor Gewalt und zu therapeutischen Möglichkeiten. Unsere Kolleginnen und Kollegen können sich jederzeit bei Fragen zu physischer, psychischer und sexueller Gewalt an Erwachsenen über 18 Jahren an uns wenden. Auch mit der Kinderschutzgruppe arbeiten wir eng zusammen“, erklärt Thomas Beck, Psychologe und Leiter der Opferschutzgruppe an der Klinik Innsbruck. Das Team aus Pflege, Sozialarbeit, Medizin, Psychologie, Gerichtsmedizin, Physiotherapie und einer Hebamme schult MitarbeiterInnen, setzt Sensibilisierungsmaßnahmen und ist auch im Ernstfall erreichbar, um zum Beispiel unterstützende Gespräche an der Psychotraumatologie und Traumatherapie der Univ.-Klinik für Medizinische Psychologie zu vermitteln.

PatientInnen, die Gewalt erfahren, kämpfen oft ein Leben lang mit den Folgen. Es zeigen sich Depressionen, Angststörungen, aber auch körperliche Auswirkungen wie chronische Schmerzen oder Magen-, Darm- und Hauterkrankungen. Häufig haben PatientInnen, die in gewalttätigen Paarbeziehungen leben, bereits in ihrem Elternhaus Gewalt erlebt oder wurden in der Schule von Gleichaltrigen misshandelt oder gemobbt. Ernüchternd: In mehr als der Hälfte der Haushalte, in denen Gewalt vorkommt, leben Kinder. „Daher ist es wichtig, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu sensibilisieren. Um für den Ernstfall gerüstet zu sein, durchlaufen sie ein mehrstufiges Schulungsprogramm mit theoretischen und praktischen Inhalten zur Sensibilisierung gegenüber häuslicher Gewalt“, sagt Andrea Hohenegger, Stv. Leiterin der Opferschutzgruppe und Ambulanzleiterin der Unfallchirurgie. Die Schulungen werden sehr gut angenommen und sind immer schnell ausgebucht. Seit Beginn des Programms wurden bereits 900 MitarbeiterInnen geschult, heuer waren es 250 TeilnehmerInnen.

 

Zusammenarbeit mit Gewaltschutzzentrum

Neben den intensiven Schulungen wurde nun ein weiterer wesentlicher Schritt gesetzt: Gerade in der Phase der Entlassung aus der stationären Versorgung besteht ein hohes Risiko, dass die Betroffenen wieder in die Gewaltsituation zurückkehren. Rechtliche Informationen und ein verbindlicher Kontakt zur Anlaufstelle fehlen oder die Überwindung ist trotz guter Vermittlung zu groß. „Durch eine Kooperation zwischen dem Gewaltschutzzentrum Tirol und den tirol kliniken soll diese Lücke zwischen der intra- und extramuralen Versorgung geschlossen werden. Patientinnen und Patienten können nun bereits während des stationären Aufenthalts eine persönliche Beratung des Gewaltschutzzentrums in Anspruch nehmen“, erläutert Alexandra Kofler, Ärztliche Direktorin der Klinik Innsbruck. Der Kontakt wird vorranging durch SozialarbeiterInnen der jeweiligen Station hergestellt.

 

Routinescreening: Hilfe gegen Hilflosigkeit

Seit April 2019 werden allen PatientInnen in der Inneren Notaufnahme während der Ersteinschätzung (Manchester Triage) drei Fragen gestellt: Weiß jemand, dass Sie hier sind? Soll jemand nicht wissen, dass Sie hier sind? Gibt es jemanden, der Ihnen Unbehagen bereitet oder Angst macht? Alexander Berger, Pflegeleiter der Inneren Notaufnahme, ist von diesem unterschwelligen Screening begeistert: „An einer Notaufnahme routinemäßig nach möglichen beeinträchtigen Beziehungserfahrungen, also ob Angst oder Unbehagen besteht, zu fragen, ist revolutionär und bringt einen sehr wichtigen, neuen Faktor in unseren Beruf. Sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für die Pflege gilt: In einer Welt, die nicht perfekt ist, sollen Möglichkeiten und Wege aufgezeigt werden, um etwas zu ändern!“

Die Klinik Innsbruck ist mit diesem Routinescreening das erste große Krankenhaus in Österreich. Die erste Auswertung hat ergeben, dass in 20 Wochen 15 PatientInnen Angst und Unbehagen erlebt haben. 21 gaben an, dass jemand nicht über den Klinikaufenthalt Bescheid wissen darf und bei 262 Befragten wurde niemand über den Aufenthalt an der Ambulanz informiert. Aus der aktuellsten Publikation (2017) geht hervor, dass von 2.629 PatientInnen (Geschlechter gleich verteilt) nur 4,4 % nach möglichen Gewalterfahrungen gefragt wurden. Von den Gewaltbetroffenen wurden nur 4,8 % auf Gewalt angesprochen. Von 1.500 befragten PatientInnen empfinden hingegen 73,9 %, dass die Frage danach seitens des medizinischen Fachpersonals wichtig wäre – Frauen mehr als Männer. „Diese Zahlen belegen eindeutig, dass es unbedingt nötig ist, aktiv zu fragen – aber auf richtige Art und Weise“, ist Thomas Beck überzeugt.

 

16 Tage gegen Gewalt an Frauen: Orange the World-Kampagne

Zwischen dem 25.11., dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und dem 10.12., dem Internationalen Tag der Menschenrechte, wird weltweit mit der Kampagne „Orange the World“ ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen gesetzt. Heuer liegt der Schwerpunkt auf österreichischen Krankenhäusern und deren Opferschutzgruppen. Während dieser „16 Tage gegen Gewalt an Frauen" soll auf ihre wichtige Rolle bei der Erkennung von Gewalt gegen Frauen und die nötige Unterstützung für Betroffene aufmerksam gemacht werden. Zusätzlich werden bekannte Gebäude in oranger Farbe beleuchtet. Auch die tirol kliniken sind an dieser Aktion beteiligt. Mehr dazu unter www.orangetheworld.at

Kontakt Opferschutzgruppe: lki.opferschutz@tirol-kliniken.at

Wichtige Nummern:

Opferschutz-Notruf: 0800 112 112 | Frauen-Helpline: 0800 222 555 | Gewaltschutzzentrum Tirol: 0512 571313

 

Bilder (tirol kliniken/Seiwald - honorarfrei): https://we.tl/t-L4VOHUFL2W 

Alle Pressemitteilungen