23 WAS BEDEUTET " DIE LUNGE VERGISST NICHT"? Die Gasaustauschfläche der Lunge müssen Sie sich so groß wie ein Fußballfeld vorstellen. Dadurch haben wir enorme funktionelle Reserven und spüren Schäden lange nicht. Die Einflüsse auf die Lunge summieren sich aber im Laufe des Lebens: Rauchen, Umweltschadstoffe, Staubbelastungen oder wiederkehrende Infektionen hinterlassen Spuren und führen erst mit steigendem Alter zu Symptomen. Der Schaden ist dann aber schon da. Wir müssen vor der Erkrankung für unsere Lunge sorgen, Lungengesundheit beginnt bereits in der Kindheit und Jugend. WAS MACHT DIE LUNGE KRANK UND WAS HÄLT SIE GESUND? Die oberste Empfehlung ist es, nicht zu rauchen. Wir wissen aus Untersuchungen, dass auch bei symptomfreien langjährigen Raucher:innen im Alter von 40 Jahren mit noch normaler Lungenfunktion Veränderungen bei CT-Aufnahmen sichtbar sind. Zusätzlich haben Bewegung und gesundes Essen wissenschaftlich belegt positiven Einfluss auf die Lungengesundheit. Wichtig ist es auch, Infektionen zu vermeiden – Impfungen sind also auch Lungenvorsorge. Und: Schadstoffe vermeiden, wo auch immer es geht. WAS SIND DIE HÄUFIGSTEN LUNGENERKRANKUNGEN IN ÖSTERREICH? Zu den häufigsten Erkrankungen zählen COPD, Asthma, Lungenkrebs, Infektionen der unteren Atemwege und die Lungenfibrose. Besonders bei COPD und Lungenkrebs spielt eine langjährige Schadstoffbelastung eine wesentliche Rolle. Dazu gehören neben Tabakrauch auch berufliche Belastungen mit Staub und Schadstoffen – wie auf Baustellen, in der Landwirtschaft oder auch in einer Tischlerei. Aber wir alle sind Schadstoffen ausgesetzt, zum Beispiel durch Verkehrs-Emissionen. WELCHE ROLLE SPIELT DIE QUALITÄT DER LUFT, DIE WIR TÄGLICH ATMEN? Bei schweren Lungenerkrankungen wie COPD und Lungenkrebs spielen inhalative Schadstoffexpositionen eine wesentliche Rolle. Tabakrauch ist dabei der wichtigste, vermeidbare Risikofaktor. Rund 15 Prozent der Lungenkrebs- oder COPD-Betroffenen rauchen allerdings nicht. Unter anderem trägt hier auch Luftverschmutzung zur Krankheitslast bei. In Innsbruck konnte eine Pilotstudie Assoziationen zwischen COPD-Verschlechterungen und der Luftqualität im Winter beobachten. Wir müssen Luftschadstoffe jedenfalls langfristig bei der Lungenvorsorge mitdenken, ich erwarte mir in den kommenden Jahren auch einige neue Daten. WIRKT SICH DER KLIMAWANDEL AUF DIE LUNGE AUS? Ja. Wir beobachten zunehmend, dass Umwelt- und Klimafaktoren die Lungengesundheit beeinflussen. Hitze zum Beispiel bedeutet thermischen und oxidativen Stress, Atemwege schwellen an. Bei Vorerkrankungen führt das zur Verschlechterung des Zustands. Bei langen Phasen ohne Niederschlag bleiben auch Schadstoffe länger in der Luft. Hinzu kommen längere Pollenzeiten und veränderte Vegetationsperioden durch Klimaveränderung, das belastet Menschen mit Asthma. Wir müssen Patientinnen und Patienten über diese Zusammenhänge informieren, damit vulnerable Personen sich schützen können und zum Beispiel an Tagen mit hohen Schadstoffwerten den Aufenthalt im Freien reduzieren. WAS TUT SICH IN SACHEN THERAPIE? Die Entwicklung geht klar in Richtung personalisierte und zielgerichtete Therapien. Ein wichtiger Fortschritt sind sogenannte Biologika, also Antikörpertherapien, die gezielt bestimmte Entzündungsprozesse blockieren. Sie wurden zunächst für Asthma entwickelt und kommen inzwischen auch für bestimmte Patientengruppen mit COPD infrage. Die beste Wirkung hat jede Therapie aber nur bei einer frühen Diagnose. VORSORGE IST ALSO DIE BESTE THERAPIE? Definitiv. Sowohl individuell als auch gesundheitspolitisch. Wer länger als acht Wochen hustet, unter Atembeschwerden leidet oder eine ungeklärte Leistungsminderung bemerkt, sollte dies ärztlich abklären lassen. Je früher eine Diagnose, umso wirkungsvoller die Therapie. Wir erwarten eine Zunahme bei den Lungenerkrankungen durch die demographische Entwicklung unserer Gesellschaft und die angesprochenen Klimaveränderungen und damit verbundenen, steigenden Schadstoffbelastungen. Auch für unser Gesundheitssystem sind deshalb Prävention und entsprechende Früherkennungsmodelle entscheidend. IM GESPRÄCH Text: Teresa Lackner-Pöschl | Foto: Gerhard Berger IM GESPRÄCH
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