Hoch3 | #42

15 1 NACHT, 12 FÄLLE „Jede Simulation folgt einem strengen Rhythmus“, beschreibt Anästhesiepflegerin Laura Sieberer. Als Teil des Organisationsteams kennt sie jeden Fall: „Alarmierung per QR-Code, 20 Minuten Einsatz, danach Debriefing und Teaching.“ Das Ziel ist klar: Notfälle bewältigen – und dabei lernen, als Team zu funktionieren. Die Szenarien sind so vielfältig wie der Klinikalltag selbst. Von der Urosepsis über Polytrauma bis zur Geburt – zwölf Fälle, zwölf Fachrichtungen. In jedem Raum begleiten ein:e Tutor:in und eine Pflegeperson vom Fach das laufende Fallbeispiel, bringen praktische Erfahrung ein und sorgen für fachlichen Input. Zwei „Oberärzte“, gespielt von Assistenzärzten, stehen jederzeit auf Abruf zur Verfügung – wie in einer echten Nachtschicht. So entsteht eine Lernumgebung, die realitätsnah ist – und gleichzeitig etwas ermöglicht, das im Alltag oft zu kurz kommt: Berufsgruppenübergreifende Zusammenarbeit von Anfang an. ZWISCHEN ALARM UND ANALYSE Nach jedem Einsatz folgt der ruhigste – und vielleicht wichtigste – Teil: das Debriefing. Intensivpfleger Matthias Feichter, ebenfalls Skills Night-Mitorganisator, begleitet die Teams durch die Nacht: „Im Debriefing sprechen die Studierenden darüber, was gut lief, wo sie gezögert haben, was sie beim nächsten Mal anders machen würden. Der Fokus liegt weniger auf der perfekten medizinischen Lösung als auf Teamarbeit und Kommunikation.“ Diese Reflexion macht die Nacht erst vollständig. Simulation allein reicht nicht – sie muss eingeordnet werden. 21:30 UHR – PNEUMONIE Ein Mann liegt auf der Liege, fahl im Gesicht, jeder Atemzug röchelt. Der brodelnde Husten lässt ihn schwer krank wirken. „Tracheostoma“, stellt Rafaela fest. Mit sterilen Handschuhen bereitet Patrizia das Absaugset vor und reicht es Philip, der beginnt hochkonzentriert den zähen, gelblichen Schleim aus der Kanüle abzusaugen. Mehrmals, bis sich die Atmung langsam verbessert. Die Diagnose ergibt sich im Ablauf: Pneumonie (Lungenentzündung). Rafaela behält den Überblick und schlägt eine Antibiose vor. Laura bleibt bei der Ehefrau, erklärt ruhig, hält den Kontakt. Gemeinsam meistern sie die Herausforderung. 180 EHRENAMTLICHE Die komplexe Übung ist das Ergebnis enormen Engagements: Rund 180 Beteiligte tragen die Skills Night – vollständig ehrenamtlich. Neben dem Organisationsteam wirken Schauspielpatient:innen, Tutor:innen sowie medizinische Expert:innen und ein Rettungsdienst mit. Ein Aufwand, der sich lohnt, sind Laura Sieberer und Matthias Feichter überzeugt: „Bei uns auf der Anästhesie trainieren wir viel mit Simulationen und wissen, wie viel man dabei lernen kann. Beim Berufseinstieg sind oft viele Unsicherheiten da – wie gehe ich mit einem Notfall um, welche Rolle habe ich im Team? Außerdem bekommen die Studierenden in einer Nacht einen Einblick in ganz viele verschiedene Fachrichtungen.“ Simulationsbasiertes Lernen ist das Motto. Situationen kennen, bevor man den ersten richtigen Notfall händeln muss. INTERPROFESSIONELLES ARBEITEN Die interprofessionelle Zusammenarbeit im Team zieht sich durch: Es gibt keine starren Hierarchien, der Team-Lead rotiert. Mal ist es Philip, der Entscheidungen trifft, dann wieder Laura. Genau darin liegt der Kern des Konzepts: frühzeitig lernen, auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Im echten Klinikalltag ist das nicht immer selbstverständlich. Besonders junge Pflegekräfte halten sich oft zurück, obwohl sie Beobachtungen machen, die entscheidend sein könnten. Die Simulation soll das verändern – sie schafft einen Raum, in dem „Speak-up“ nicht nur erlaubt, sondern notwendig ist. 00:05 UHR – SCHOCK IM OP Im OP-Szenario beginnt alles ruhig. Die Patientin ist wach unter Spinalanästhesie. Alles läuft routiniert, bis die Situation plötzlich kippt: Die Werte der Patientin verschlechtern sich, auf Brust und im OP-Bereich bilden sich Pusteln. „Da passt was nicht“, sagt Rafaela. „Was ist los? Wir können schon weiteroperieren!“, drängt die Chirurgin – gespielt von einer Schauspielerin, bewusst laut, bewusst fordernd. Spannung liegt in der Luft. Kommunikation wird plötzlich zur Schlüsselkompetenz: Wer übernimmt? Wer sagt an? Wer widerspricht? Patrizia checkt die Werte, unser Skills Night- Team vermutet eine allergische Reaktion und berät, welches Medikament den anaphylaktischen Schock ausgelöst hat. Während sie überlegen, beschleunigen die Alarmtöne der Geräte, eine gewisse Hektik macht sich breit. Jetzt heißt es, die Situation schnell wieder in den Griff zu bekommen. ⟩⟩⟩ UNSERE GESCHICHTEN Interprofessionelle Teams: Die Zusammen- arbeit auf Augenhöhe steht im Fokus.

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