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Enthüllung Gedenk- und Informationsort Hall

Enthüllung Gedenk- und Informationsort Hall

24.09.2020
Am Gelände der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Hall in Tirol (heute Landeskrankenhaus Hall) wurde ein Gedenk- und Informationsort für 360 Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche errichtet. Sie waren während des Nationalsozialismus direkt von Hall aus in die Tötungsanstalt Hartheim oder in die Heil- und Pflegeanstalt Linz-Niedernhart gebracht und dort ermordet worden.

Wir denken an 360 Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder. Sie wurden in den Jahren 1940 bis 1942 während der Zeit des Nationalsozialismus abtransportiert. Von der Heil- und Pflegeanstalt Hall in Tirol kamen sie nach Hartheim oder Linz-Niedernhart in Oberösterreich. Dort wurden sie ermordet. Zur Erinnerung daran, wozu wir Menschen fähig sind. (Gedenktext)

NS-Euthanasieopfer wieder sichtbar machen
Die Errichtung dieses Gedenk- und Informationsorts ist ein weiterer Schritt in einem seit vielen Jahren stattfindenden Erinnerungsprozess, der in unterschiedlichen Projekten und Initiativen seinen Ausdruck fand und weiterhin finden wird. An einem zentralen Ort am Gelände des LKH Hall erinnern nunmehr 360 Metallstelen an den Krankenmord. Im Verständnis der NS-Ideologie wurden nicht Individuen ermordet, sondern eine als „lebensunwert“ gebrandmarkte Menschengruppe mit dem Merkmal einer geistigen, psychischen oder körperlichen Beeinträchtigung.

Als Kontrapunkt dazu stehen am neuen Gedenkort die einzelnen Opfer im Mittelpunkt des Erinnerns. Mit der Nennung ihrer Namen sowie ihrer Lebensdaten und der Sichtbarmachung ihrer Lebensgeschichten sollen sie symbolisch wieder in die Gesellschaft integriert werden. Hinter der häufig undifferenziert wahrgenommenen Gruppe der NS-Euthanasieopfer werden die einzelnen Ermordeten mit ihrer jeweils einzigartigen Persönlichkeit und Lebenswirklichkeit erkennbar. Der Gedenk- und Informationsort setzt auf das Sichtbarmachen der Opfer und des Verbrechens, auf Enttabuisierung psychischer Krankheiten und geistiger Beeinträchtigungen.

Der Gedenkort
Die Gestaltung des Gedenkorts basiert auf Individualisierung, Personalisierung und Einbeziehung des Lebensumfelds der Haller NS-Euthanasieopfer. Jede der 360 Metallstelen ist daher mit dem Namen, dem Geburtsdatum, dem Geburtsort, dem Heimatort und dem Jahr der Ermordung des jeweiligen Opfers versehen. Die Stelen sind im Sinne einer abstrahierten Landkarte am Ort der gesetzlich zuständigen Heimatgemeinde lokalisiert. Das soll die Auffindbarkeit von konkreten Stelen für Angehörige und Gedenkinitiativen erleichtern sowie auf die Verantwortung der Heimatgemeinden verweisen.
Ergänzt wird das Stelenfeld durch ein Tastmodell mit inkludierter Gedenktafel, das den BesucherInnen, besonders blinden und sehschwachen Menschen, als Erstinformation dient. Hier erhält man Auskunft über die Gestaltung des Gedenkortes, erfährt die 360 Namen der Opfer und bekommt Einblicke in einige exemplarische Lebensgeschichten.

Weiterführende Details gibt es an der angrenzenden Informationsstation. Dort können sich die BesucherInnen über die einzelnen Lebensgeschichten der 360 Ermordeten, über die Organisation und Durchführung des Krankenmordes mit Blick auf die Haller Anstalt und über bereits bestehende Zeichen der Erinnerung an Haller NS-Euthanasieopfer, informieren. Diese Informationen und ausgewählte Biografien sind auch auf der Begleitseite www.gedenkort-hall.at verfügbar.

Nutzung
Bei der Gestaltung des Gedenkortes wurde auf eine Barrierereduktion geachtet. Viele der genannten Informationen sind deshalb auch in leicht verständlicher Sprache zugänglich, einige künftig in Gebärdensprache, anderes ist akustisch wahrnehmbar. So sind etwa der Gedenktext, die 360 Opfernamen sowie die exemplarischen Lebensgeschichten am Tastmodell zu hören und die Grundinfos in Brailleschrift zu lesen. Das Areal des Gedenkortes wurde als Schotterrasen angelegt, sodass das Gelände auch mit Gehhilfe oder Rollstuhl begeh- und befahrbar ist.

Der vom Krankenhausträger tirol kliniken in Auftrag gegebene Gedenk- und Informationsort ist als öffentlicher Ort frei zugänglich. Darüber hinaus bietet das Historische Archiv des Landeskrankenhauses Hall für Angehörige, Forschende und Gedenkinitiativen die Möglichkeit für personenbezogene Recherchen. Interessierte Gruppen können einen historischen Rundgang zur örtlichen Psychiatriegeschichte oder eine Führung zum Gedenkort buchen. Kontakt: oliver.seifert@tirol-kliniken.at

Projektgruppe
Christian Haring - Ärztlicher Direktor Landeskrankenhaus Hall Oliver Seifert - Historiker im Historischen Archiv des Landeskrankenhauses Hall Andrea Sommerauer - Historikerin Lisa Noggler-Gürtler - Projektsteuerung und Kuratierung Niko Hofinger, AltNeuland Bildschirmwerkstatt - Historiker Celia Di Pauli, Stefan Maier, Eric Sidoroff - Szenografie Rudolf Mair - Landschaftsarchitektur
Ausführende
Cornelia Lackner - Grafik im Vorzimmer Michael Gassebner - Schlossermeister Wegscheider & Genelin OG - Ihr Garten Grassmayr Glockengiesserei Innsbruck

Bearbeitung und Prüfung der Texte für die leichte Sprache
Karin Flatz - Gesundheit für Alle / tirol kliniken, in Zusammenarbeit mit: Aglaia Parth, Elias Steger, Jakob Rauchbauer, Kaspar Modersbacher, Margot Schermann, Petra Flieger Monika Mück-Egg - Übersetzung in Gebärdensprache Eduard Widmoser - Bauleitung tirol kliniken Michael Dierl, Malojer - Bauleitung extern

Finanzierung
Land Tirol, tirol kliniken
Förderung des Projektes „Den Opfern eine (Lebens-)Geschichte. Biografische Forschungen zu den 360 ‚Euthanasie‘-Opfern der Heil- und Pflegeanstalt Hall in Tirol“ durch: Zukunftsfonds der Republik Österreich Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus Land Vorarlberg (Abt. Wissenschaft und Weiterbildung)

Ein besonderer Dank gilt den Angehörigen, Gedenkinitiativen, Archiven und all jenen, die auf unterschiedliche Weise dazu beigetragen haben, das Gedenken an die NS-Euthanasieopfer an diesem Ort zu ermöglichen.

Historischer Hintergrund
Die NS-Euthanasie war der erste systematisch durchgeführte Massenmord im Nationalsozialismus. Menschen mit einer geistigen, psychischen oder körperlichen Beeinträchtigung wurden planmäßig ermordet. Verharmlosend wurde die Mordaktion als Euthanasie bezeichnet, was wörtlich so viel wie „guter Tod“ bedeutet. Mit einem guten Tod hatte dieser Krankenmord nichts zu tun.
Eine auf den 1. September 1939, dem Tag des Kriegsbeginns, rückdatierte „Führerermächtigung“ markiert den Beginn des Tötens. Aus Sicht des Nationalsozialismus sollte der Krieg nicht nur nach außen, sondern auch nach innen geführt werden. Bevölkerungsgruppen, die rassisch und biologisch unerwünscht waren, wie etwa psychisch kranke und geistig behinderte Menschen, sollten ermordet werden. Von den Maßnahmen besonders betroffen waren die Patientinnen und Patienten der großen landespsychiatrischen Anstalten, wie jener in Hall, aber auch die BewohnerInnen von Versorgungshäusern und anderen sozialen Betreuungseinrichtungen.

Beginnend am 10. Dezember 1940 wurden bis Ende Mai 1941 mit insgesamt drei Transporten 300 PatientInnen aus der Heil- und Pflegeanstalt Hall im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ abtransportiert und in der Tötungsanstalt Hartheim bei Linz ermordet. Im August 1941 wurde die „Aktion T4“ auf öffentlichen Druck vor allem von Angehörigen und von Seiten einiger Kirchenvertreter offiziell eingestellt. Dennoch wurden ein Jahr später aus der Heil- und Pflegeanstalt Hall mit einem vierten und letzten Transport weitere 60 PatientInnen abgeholt und in der Heil- und Pflegeanstalt Niedernhart-Linz mit überdosierten Medikamenten ermordet.
Insgesamt wurden aus dem damaligen Gau Tirol-Vorarlberg auf diese Weise nachweislich 707 Menschen abtransportiert und ermordet, davon alleine 360 aus der Haller Anstalt.

Bisherige Aufarbeitung
2003: Veranstaltung mit dem Titel „Ich war in Hall. Der 63-Jahre-Rückblick“ organisiert vom Verein „ZeitLupe“ gemeinsam mit der Kulturinitiative „Wäscherei P“ des Psychiatrischen Krankenhauses Hall. Dort wird das Schicksal der NS-„Euthanasie“-Opfer aus Hall thematisiert und im Zuge einer Diskussion die Öffnung des Krankenaktenarchivs für die Angehörigen und die Forschung angekündigt.
2005: Sichtung, Sicherung und Beginn der Archivierung des Aktenmaterials durch eine Projektzusammenarbeit des damaligen Psychiatrischen Krankenhaus Hall mit dem Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie in Innsbruck.
2005: Kunstprojekt „Temporäres Denkmal“ des Künstlers Franz Wassermann im Gedenken an die 360 Euthanasieopfer aus der Heil- und Pflegeanstalt Hall.
2008-2012: Interreg IV-Projekt „Psychiatrische Landschaften. Die Psychiatrie und ihre Patientinnen und Patienten im historischen Raum Tirol seit 1830“ der Institute für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie und für Erziehungswissenschaft an der Universität Innsbruck u.a. in Kooperation mit dem Psychiatrischen Krankenhaus Hall. Ein Ergebnis des Projektes war in den Jahren
2011-2013: Wanderausstellung „Ich lasse mich nicht länger für einen Narren halten“ mit einem eigenen Bereich zur NS-Euthanasie.
2011-2014: Expertenkommission und Forschungsprojekt zur Untersuchung der Vorgänge um den Anstaltsfriedhof des Landeskrankenhauses (Psychiatrie) Hall in Tirol. Exhumierung und Untersuchung des ehemaligen Anstaltsfriedhofs.
2014: Wiederbestattung der sterblichen Überreste am städtischen Friedhof in Hall in einem eigens errichteten Grabmal.
2015: Einweihung einer Gedenkmauer am Gelände des Landeskrankenhauses Hall in Erinnerung an die auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof bestatteten PatientInnen.
2015: Durchführung eines Künstlerwettbewerbs zur Gestaltung eines Denkmals in Erinnerung an die 360 Opfer der NS-Euthanasie. Der Wettbewerb blieb ohne Ergebnis.
2016: Beauftragung einer Projektgruppe zur Gestaltung eines Gedenkorts für die 360 Opfer der NS-Euthanasie.
2019: Beginn der Bauarbeiten für den Lern- und Gedenkort.
2020: Enthüllung

Fotos: https://we.tl/t-hoVlhfblBJ (Gerhard Berger, honorarfrei)

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