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Krisen und gesellschaftliche Umbrüche: Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche

20.01.2026
Zum 12. Mal lud Kathrin Sevecke, Primaria der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Hall und Direktorin der Innsbrucker Univ.-Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter, gemeinsam mit Thomas Lackner, leitender Psychologe an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik in Hall, Expert:innen ein, um im Rahmen eines Kongresses aktuelle Forschungs- und Behandlungsansätze über gesellschaftliche Krisen und ihre Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche zu beleuchten und zu diskutieren.

Die Generation Alpha (Menschen, die etwa zwischen 2010 und 2025 geboren wurden, also die Kinder von Millennials, die komplett im 21. Jahrhundert aufwachsen, stark durch Digitalisierung, Smartphones, Tablets und KI geprägt sind und als erste Generation die Welt ohne diese Technologien nicht kennen) ist mit zahlreichen globalen Krisen und damit neuen Herausforderungen konfrontiert. Wissenschaftlich belegt ist, dass Kriege in und außerhalb Europas, wirtschaftliche Unsicherheiten sowie die Klimakrise die psychische Gesundheit belasten und zu Zukunftsängsten, Ärger, Frustration, Hoffnungslosigkeit und Trauer bzw. depressiven Verstimmungen führen können. Dabei bleibt aufgrund fehlender wissenschaftlicher Untersuchungen unklar, wie sich diese parallelen und oft miteinander verwobenen Krisen auf die psychische Gesundheit auswirken.

Eine Studie konnte zeigen, dass pandemie- und klimabezogene Belastungen bei 12- bis 16-Jährigen mit erhöhten Angst- und Depressionswerten sowie mit verminderter Lebensqualität einhergehen, während kriegsbezogene Sorgen vor allem die Ängstlichkeit verstärken. So zeigte die deutsche Shell-Jugendstudie bereits 2024, dass 81% der Jugendlichen Angst vor einem Krieg in Europa haben.


Klimakrisen und Jugendliche

Junge Menschen sind deutlich stärker von der Klimakrise betroffen, da sie mit bis zu siebenfach erhöhter Wahrscheinlichkeit Hitzewellen erleben als die Generation der 1960er Jahre. Ein eigenes aktuelles Forschungsprojekt in Kooperation mit der Universitätsklinik für Psychiatrie II mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen zeigt, dass klimabezogene Sorgen - vor allem mit Blick auf den Temperaturanstieg, das Abschmelzen der Gletscher und Unwetterkatastrophen - stark emotional besetzt sind. „Es wird gemeinsame, intensive, gesellschaftliche Bemühungen benötigen, um die Klimaängste unserer Jugendlichen wirkungsvoll aufzugreifen“ so Kathrin Sevecke. Geschlechtsspezifische Untersuchungen zeigen, dass Mädchen insgesamt stärker betroffen sind, und häufiger verminderte Lebensqualität und höhere Angst- und Depressionswerte angeben.

Eine wesentliche Rolle spielt auch die permanente Berichterstattung und der einfache Zugang zu Informationen über Soziale Medien. „Ein hoher Medienkonsum geht mit erhöhten Angst-, Depressions- und Stresswerten einher“, so Kathrin Sevecke. „Ca. 30% der Kinder und Jugendlichen geben an, dass ihnen in den Sozialen Medien Inhalte begegnen, die sie belasten.“

 

Kongress

Das diesjährige Programm des hybrid stattfindenden Kongresses widmet sich den vielfältigen Herausforderungen, mit denen Kinder und Jugendliche heute konfrontiert sind – von einer selbstbezogenen Welt über digitale Gefahren bis hin zu gesellschaftlichen Umbrüchen und globalen Bedrohungen.

Die Beiträge befassen sich unter anderem mit:

  • den Schwierigkeiten einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung in einer selbstbezogenen Welt;
  • der digitalen Vulnerabilität bezogen auf sexuellen Missbrauch und Grenzverletzungen in der realen Welt sowie im Internet;
  • den psychiatrischen Diagnosen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche aus systemischer Perspektive;
  • der elterlichen Überlastung;
  • der psychischen Gesundheit im Kontext globaler Herausforderungen;
  • den Auswirkungen der Klimakrise;
  • wie Helfersysteme diesen zunehmend komplexeren Fragestellungen begegnen können.

 

Hilfsangebote

Unterstützung bekommen betroffene Familien in der Ambulanz der Abteilung für Kinder-und Jugendpsychiatrie in Hall. Hier werden im multiprofessionellen Team Diagnostik, Beratung, Betreuung und Therapie angeboten.

„Umbrüche und Krisen sind aber immer auch Teil von gesunden Entwicklungs- und Wachstumsprozessen. Dies gilt für uns Menschen, für soziale Systeme und für ganze Gesellschaften. Überlagern sich Krisen und Umbrüche, fällt es besonders schwer zu erkennen, ob die oft vehementen Veränderungen Teil von Wachstum oder von Zerstörung und Pathologie sind. Darin liegt die besondere Herausforderung und Verantwortung für Eltern und die beteiligten Helfersysteme“, meint Thomas Lackner, psychologischer Leiter der Ambulanz.

Die Wartezeit auf einen Ersttermin liegt aktuell bei ca. 6 Wochen. Schwierig ist eine Weitervermittlung der Patient:innen nach außen.

Kathrin Sevecke betont, die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zur prioritären gesellschaftlichen und politischen Aufgabe zu machen, und fordert konkrete Maßnahmen zum Ausbau von Präventionsprogrammen (z.B: Get fit for mental health) an Kindergärten und Schulen sowie den achtsamen Umgang mit sozialen Medien und krisenbezogenen Informationen. Weiteres sei ein Ausbau von niederschwelligen Unterstützungsangeboten, Programmen zur Selbstwirksamkeit und Resilienz und ein niederschwelliger Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten notwendig.

 

Fakten und Zahlen

  • Laut aktuellen Zahlen fühlen sich ca. 40 bis 50% der Kinder und Jugendlichen in Österreich psychisch belastet.
  • Besonders betroffen sind sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche sowie Kinder psychisch belasteter Eltern.
  • Mit insgesamt 517 Akutaufnahmen im Jahr 2025 wurden 14% weniger Kinder und Jugendliche stationär im Rahmen einer Krise an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt als im Jahr 2024.
  • Im geschützten Bereich wurden im Jahr 2025 insgesamt 114 Kinder und Jugendliche, davon 21 männliche und 93 weibliche Patient:innen, behandelt (2024 waren es 159)
  • Die Anzahl der ambulanten Krisengespräche lag im Jahr 2025 mit 541 Gesprächen etwas höher als im Jahr 2024.

Weitere Informationen zum 12. Kinder- und Jugendpsychiatrie-Kongress Innsbruck finden Sie hier. Der Kongress in Präsenz ist ausgebucht, eine Online-Teilnahme ist noch möglich.

 

Rahmenprogramm

Erstmalig findet als Rahmenprogramm thematisch passend eine öffentliche Lesung im Treibhaus statt. Die Kölner Autorin Carla Kaspari liest aus ihrem Zukunftsroman „Das Ende ist beruhigend“, der von den gesellschaftlichen Veränderungen im Jahr 2130 handelt.

Weitere Informationen finden Sie hier.

 

Innsbruck, 20. Jänner 2026

Fotos: Medizinische Universität Innsbruck/ Bullock

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