Kinder und Jugendliche als Zeugen von familiärer Gewalt
15.10.2026
Am 16. Oktober 2026 findet in Innsbruck die 8. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Kinderschutz-Medizin statt. Im Mittelpunkt steht das Thema "Kinder und Jugendliche als Zeugen von Gewalt".
Kinderschutz
„Der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gewalt, Missbrauch und digitalen Risiken ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und muss in allen Bereichen konsequent mitgedacht werden. Gerade Kinder, die Gewalt in der Familie miterleben, brauchen Menschen, die hinsehen, Warnsignale erkennen und rasch handeln. Dafür braucht es gut ausgebildete Fachkräfte und eine enge Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswesen, Bildung und Kinder- und Jugendhilfe. Ich freue mich, dass die Jahrestagung heuer in Innsbruck stattfindet und damit auch in Tirol einen wichtigen Beitrag zu diesem Austausch leistet“, so Cornelia Hagele, Landesrätin für Gesundheit, Pflege, Bildung, Wissenschaft und Forschung.
Österreichische Gesellschaft für Kinderschutz-Medizin (ÖGKiM)
Die 2019 gegründete ÖGKiM ist eine österreichweite Vereinigung der Kinderschutzgruppen im Gesundheitswesen mit Sitz in Wien. In Präsidium und Vorstand arbeiten Fachkräfte aus Medizin, Pflege, Psychologie, Sozialarbeit und Ethik zusammen. Darüber hinaus sorgen jeweils zwei Vertreter:innen aus den neun Bundesländern für eine flächendeckende Vernetzung und einen breiten interprofessionellen Austausch.
„Unser Ziel ist es, durch einheitliche Standards, praxisnahe Fortbildung und nachhaltige interprofessionelle Zusammenarbeit die Kinderschutzarbeit in Österreich professionell umsetzen zu können“, betont Susanne Greber-Platzer, Präsidentin der ÖGKiM.
Ein wichtiger Schwerpunkt liegt dabei auf der Qualifizierung jener Fachkräfte, die in ihrem beruflichen Alltag mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Neben der Jahrestagung, Workshops, Leitlinienarbeit und interdisziplinären Diskussionen bietet die ÖGKiM unter anderem eine Online-Ausbildung in Kinderschutz-Medizin an. Im Mittelpunkt stehen dabei die Früherkennung von Vernachlässigung, körperlicher und psychischer Misshandlung sowie sexueller Gewalt.
Gewalt wirkt über die Kindheit hinaus
Kinderschutz muss über die unmittelbare Gefährdungssituation hinausgedacht werden. Thomas Beck, Psychologischer Leiter des Kompetenzzentrums Gewaltambulanz und Obmann des Österreichischen Dachverbands der Opferschutzgruppen im Gesundheits- und Sozialbereich, unterstreicht die langfristigen Auswirkungen von Gewaltwiderfahrnis: „Unter den Folgen widerfahrener Gewalt leiden alle Betroffenen, unabhängig von Alter und Geschlecht. Gerade darum ist es wichtig, alle Lebensspannen in den Fokus zu nehmen und die klaren Verbindungen zwischen betroffenen Kindern und Erwachsenen zu berücksichtigen.“
Gewalterfahrungen in der Kindheit können weitreichende Auswirkungen auf die Gesundheit im späteren Leben haben. Ebenso können sie die Beziehungsgestaltung und das soziale Leben im Erwachsenenalter beeinflussen. Für die Unterstützung betroffener Erwachsener sei es daher wesentlich, auch deren individuelle Biografie und mögliche Gewalterfahrungen in der Kindheit mitzudenken.
Kinderrechte, Beteiligung und Schutz
Kathrin Sevecke, Primaria der Abteilung und Direktorin der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie in Hall und Innsbruck sowie Präsidentin der ÖGKJP, betont den Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und den Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen. Dabei hebt sie vor allem die Frage hervor, wie wirksamer Schutz mit den Rechten und Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen verbunden werden kann: „Wie können wir unsere Kinder und Jugendlichen insbesondere im Netz wirksam schützen, ohne dabei die Kinderrechte, den Datenschutz und die Beteiligung zu vernachlässigen?“
„Psychische Symptome können ein Hinweis auf Gewalt und Gefährdung sein, umgekehrt sind psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche besonders gefährdet, Opfer von Übergriffen zu werden“, so Sevecke. „Deshalb sind Aufklärung, schnelles und konsequentes Handeln sowie ein individuelles Kinderschutzkonzept unverzichtbar“.
Kinderschutz sei ein Thema, das unmittelbar alle betreffe und im klinischen Alltag täglich präsent sei, in Kliniken ebenso wie in Ambulanzen. Neben dem Schutz vor Gewalt in all ihren Formen und dem Opferschutz gewinnt dabei auch der digitale Schutz zunehmend an Bedeutung.
Innsbruck, 15. Oktober 2026
Fotos: Sistad/Tirol Kliniken
